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Jazz thing 76

The Shin . Alle in einem Boot
 

Als Jason mit den Argonauten ins Schwarze Meer einfuhr, waren seine Absichten nicht sehr friedlicher Natur. Der Gitarrist Zaza Miminoshvili und seine georgischstämmige Band The Shin aus dem Raum Stuttgart sehen den Raub des goldenen Vlies’ heute jedoch symbolisch: „Ich deute die antike Sage als Begegnung der Dynamik des Westens mit der Mystik des Ostens, das Vlies steht ja auch für das Wissen, für einen Schatz, den man im friedlichen Sinne gewinnen kann.“

Und so sitzen The Shin auf dem Cover ihrer neuen CD „Black Sea Fire“ (Jaro) in einem Boot, das sie in Anlehnung an das antike Schiff Argo getauft haben. Mit allen Anrainerstaaten des Schwarzen Meers, dem „buntesten der Welt“ wie sie sagen, haben sie in der Tat einen Schatz gehoben: Auf ihrem Konzeptwerk musizieren sie mit über 20 Gästen aus Bulgarien, der Ukraine, Moldawien und der Türkei, unter ihnen der Flötenmeister Theodosii Spasov.

„Wir haben uns in jede der Kulturen eingefühlt und zusammen die Arrangements erarbeitet“; so Zaza, „mit Logik, Improvisation und Emotion zu gleichen Teilen entstand ein neues musikalisches Idiom, die Schwarzmeersprache. Bei allen Unterschieden konnten wir viel Gemeinsames entdecken, die geheimnisvolle Verwandtschaft etwa zwischen bulgarischer Polyphonie und den byzantinischen Gesängen Georgiens, die mir bisher kein Musikwissenschaftler erklären konnte.“

Der klassisch und jazzig geschulte Saitenmeister und die anderen Gründungsmitglieder von The Shin befuhren ursprünglich die Gegenrichtung des sagenhaften Jasons: Anfang der 1990er kamen sie aus Tiflis nach Deutschland und erweiterten hier ihren Horizont zu der einzigartigen Klangsprache, die heute den Charakter des Ensembles ausmacht. Miminoshvili entdeckte von Mitteleuropa aus indische Musik und den Flamenco, übertrug dessen Techniken auf die georgischen Wurzeln.

Der so konstruierte west-östliche Diwan von The Shin ist hochvirtuos und witzsprühend zugleich, hantiert mit Anklängen an Paco De Lucia und John McLaughlin, zelebriert eine türkische Hochzeit, erzählt von der Liebe eines Tataren zu einer Ukrainerin, greift Theodorakis-Melodien und Deep Purple-Riffs auf. Und in jedem Takt lauern feurige Freiheitsgedanken: „Wenn du genau hinschaust, entdeckst du auf dem Coverbild eine Ausgabe der Prawda. Die ist ein Symbol für die schlimme Sowjet-Zeit, die uns und unsere Nachbarn ins selbe System gezwungen hat“, erklärt Zaza.

Kürzlich flammte die dunkle Epoche wieder auf, denn im Georgien-Krieg von 2008 musste er um seine Familie und sein Haus in Tiflis bangen. „Heute jedoch sitzen wir aus freien Stücken zusammen in einem Boot, das nun kein System mehr verkörpert, sondern die Kultur an sich. Politik ist eine Sackgasse, die Kultur ist die „Prawda“, die einzige Wahrheit, die uns weiterbringen kann.“

Text: Stefan Franzen

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Feature: The Shin. Alle in einem Boot