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Jazz thing 81
Nummer 81
November 2009 - Januar 2010

Miísia . Lissabon im Koffer [1/2]
 

Susana María Alfonso de Aguiar liebt es, in Rollen zu schlüpfen. Die geborene Nomadin lebte ganz unterschiedliche Leben: Sie wuchs im portugiesischen Porto auf, war Revuetänzerin in Barcelona, Night-Show-Sängerin in Madrid und setzte sich mit ihrem ersten Fado-Album in Lissabon zwischen alle Stühle. Seit 20 Jahren ist sie auf der Bühne die Fado-Diva Mísia – ein Weltstar, eine charmante Grande Dame, subtil, elegant, selbstironisch, poetisch. Mit ihrem Doppelalbum „Ruas“ (Straßen) verbindet sie virtuos zwei Facetten ihrer künstlerischen Identität: die Fadista und die musikalische Grenzgängerin. Entsprechend hat sie die beiden CDs betitelt: „Lisboarium“ und „Tourists“.

 

Auf der CD „Lisboarium“ ist ein pastel de nata (Vanille-Puddingtörtchen mit Zimt) abgedruckt, eine typische portugiesische Köstlichkeit, von der ich Unmengen vertilgen könnte — Mísia etwa auch?

Jaaaaa! Ich liebe pastéis de nata!!! Eigentlich müsste man unbedingt Zimt darüber streuen und die CD müsste auch noch nach pastel de nata duften, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Aber im Ernst: Die Düfte Lissabons gehören auch zu meinem Gefühl für die Stadt und zu meiner Sehnsucht…

Und aus dieser Sehnsucht ist „Lisboarium“ entstanden?

Lisboarium ist ein Traum von Lissabon, vielleicht mein Traum von Lissabon, der wie ein Film abläuft. Alles fing damit an, dass ich frühmorgens in Paris, wo ich seit einiger Zeit lebe, vom Gekreisch der Möwen geweckt wurde. In Paris gibt es definitiv keine Möwen. Ich war in diesem Schwebezustand zwischen Schlaf und Wachsein … und hörte die Lissaboner Möwen. Da kam ich auf die Idee, aus meinen Erinnerungen und meinem Heimweh nach Lissabon etwas zu machen — einen fiktiven Stadtrundgang. Ohne die Distanz und die Sehnsucht wäre „Lisboarium“ nicht zustande gekommen.

Schon der zweite Track der CD ist eine kapverdische Morna — ein Tribut an das multikulturelle Lissabon und seine afrikanische Seite?

Auf jeden Fall. Lissabon ist auch eine afrikanische Stadt, das sieht, spürt und hört man schon in den ersten fünf Minuten. Und „Joana Rosa“ ist eine Morna, die der Alentejaner Vitorino Salomé geschrieben hat, ein wunderbarer Musiker, der vor vielen Jahren meine zweite CD produzierte und noch ein anderes Lied für mich schrieb („Ciúmes Dum Coracão Operário“). Joana Rosa verlässt ihr Dorf auf den Kapverdischen Inseln und geht nach Lissabon, wo sie in der Markthalle Sardinen verkauft und in die Einsamkeit fällt — Joana Rosa ist, mit ihrem Koffer in der Hand, verloren in der Welt. Mit meinem Koffer in der Hand verloren in der Welt — so fühle ich mich auch sehr oft! (lacht)

Wie wirkt eigentlich Lissabon heute auf dich? Viele kritisieren ja, Lisboa sei längst nicht mehr die Stadt der Dichter und Fadistas — hat Lissabon in den letzten Jahren seine Seele verloren?

Nun gut, das alte Lissabon, in dem die Zeit stehen geblieben ist, diese ganz spezielle Atmosphäre gibt es heute kaum noch — die aufgehängte Wäsche in den Gassen, die Blumenverkäuferinnen. Aber entscheidend ist doch, dass sich die Menschen dort wohl fühlen können und nicht unter unwürdigen Bedingungen leben müssen, die nur den Touristen pittoresk erscheinen. Lissabon hat sich mit der EU und vor allem durch die EXPO 1998 sehr verändert, sehr viele Straßen wurden renoviert und restauriert. Vielleicht ist dabei ein bisschen von seiner Seele abhanden gekommen. Aber man gibt sich viel Mühe, die Erinnerung an die schönen Dinge wach zu halten. Jetzt sind zum Beispiel die alten quiosquos wieder aufgetaucht, die herrlichen gusseisernen Kioske, an denen die typischen Lissaboner Getränke verkauft werden.

Wirklich jammerschade finde ich, dass es die alten Künstlercafés nicht mehr gibt — sie existieren zwar noch, aber es sitzen heutzutage nur noch Touristen darin. Besonders schrecklich ist der arme gusseiserne Fernando Pessoa auf seinem Stuhl vor dem Café A Brasileira… Der Mann war zu Lebzeiten extrem menschenscheu und eigensinnig und lebte fern der Gesellschaft — jetzt hängen ihm Kinder am Hals, jemand stellt seinen Colabecher auf seinem Hut ab, ein anderer legt seinen Arm um Pessoa und lässt sich mit ihm fotografieren. Da dreht sich mir der Magen um vor Entrüstung, das ist einfach unwürdig.

Doch trotz aller Veränderungen, die Lissabon in den letzten Jahrzehnten erlebt hat: für mich ist Lisboa nach wie vor die Stadt der Dichter.

Die Dichter spielen für deinen Fado eine wichtige Rolle, schließlich warst du die erste Fadista, die ein ganzes Album mit vertonter Lyrik veröffentlicht hat. Angefangen von Fernando Pessoa…

Fernando Pessoa ist der Dichter Portugals und der rätselhafteste Dichter Portugals. Allein seine Idee, sich völlig verschiedene Dichter zu erfinden, mit Lebensläufen und ganz eigenen Werken… In seinem Gedicht „Autopsicografía“ sagt er, der Dichter sei ein Vortäuscher, ein Hochstapler, der aber das Wahrste von uns allen erzählt: „Der Poet verstellt sich, täuscht uns so vollkommen und gewagt, dass er selbst den Schmerz vortäuscht, der ihn wirklich plagt.

Den „Fado de Santa Catarina“ hat Vasco Graça Moura für dich geschrieben…

Vasco Graça Moura lebt in Brüssel, ist Europaabgeordneter einer Partei, die absolut nicht die meine ist, aber wir sind Freunde und er ist ein wunderbarer Dichter und unglaublich kreativ. Neben der Politik schafft er es immer noch, sehr viele sehr gute Gedichte zu schreiben, und das in unglaublicher Geschwindigkeit. Wir mailen uns immer, und als ich ihm schrieb, dass ich ein Haus im Lissaboner Stadtviertel Santa Catarina gekauft hatte, schickte er mir noch in derselben Nacht das Gedicht „Fado de Santa Catarina“. Ich war nämlich so begeistert von den wunderbar leeren Räumen und wollte nur ein Glas mit einer Orchidee hineinstellen, das hatte ich ihm begeistert erzählt — und er verarbeitete das sofort in seinem Gedicht.

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Feature: Miísia. Lissabon im Koffer