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Jazz thing 72
Nummer 72
Februar/März 2008

Willy DeVille . Amerikanische Romantik [1/2]
 

Ob als großmäuliger Vorstadtlude, Mafioso, Latin-Lover, Südstaaten-Plantagenbesitzer, edler Indianer, Voodoopriester oder, wie jetzt im Booklet seiner neuen CD „Pistola“ (Eagle/edel), im piratenähnlichen Outfit — Willy DeVille hat schon viele Kostüme ausprobiert. Immer standen die Outfits ihm ausgesprochen gut und zeugten von seinem ausgesprochenem Hang zur Romantik. Der Blues-Shouter war schon immer einer, an dem sich die Geister schieden. Entweder ignoriert man DeVille, wie die meisten seiner Landsleute, oder man liebt Willy, wie es seit 20 Jahren in Europa der Fall ist. Hier werden auch die neuen Songs gefallen, wie so oft eine geniale Mischung aus amerikanischem Roots-Rock und großartigem Kitsch.

Pistola“ (Eagle Rock/edel) — das neueste, inzwischen schon 14. Album des hageren Mannes mit dem Goldzahn klingt zum Teil wie eine Mischung seiner drei besten Alben. „So So Real“ beispielsweise ist eine gradlinige Rhythm&Blues-Nummer, wie man sie auch auf dem ersten Mink De Ville Album „Cabretta“ finden könnte. Es gibt aber auch wunderschöne, haarscharf am Kitsch vorbeischrammende Balladen, wie sie auf dem unterbewertetem Meisterwerk „Le Chat Bleu“ zu finden sind. Auch verströmen einige der neuen Songs auch den magischen Voodoo-Charme, durch den sich die Songs von „Backstreets Of Desire“ auszeichnen.

„Mann-oh-Mann, da werde ich ja gleich drei Köpfe größer, wenn du mir so schmeichelst. Ehrlich gesagt, habe ich nicht darüber nachgedacht, dass das neue Album wie ´Backstreets Of Desire´ oder wie ´Cabretta´ oder doch ganz anders klingen sollte. Ich bin einfach ich geblieben und habe versuch gute Songs zu schreiben. Als wir das Album dann in L.A. aufgenommen haben, war es in erster Linie mein Anliegen, dass es wie ein richtiges Bandalbum klingen sollte. Das war John Philip Shenale, mit dem ich das Album zusammen produziert habe, schon wichtig.“

Nachdem der 57-jährige zuletzt immer nur spartanisch instrumentiert mit einem Blues-Trio unterwegs war, geht der Exzentriker im Frühjahr endlich wieder mit der Mink DeVille Band auf Europatournee. „Ich weiß inzwischen was ich zu tun habe, um die Leute zufrieden zu stellen und sie dabei aber trotzdem noch irgendwie zu überraschen, ihnen zu Vertrautem noch neue Facetten zu bieten. In dieser Hinsicht denke ich jetzt ziemlich professionell. Wird in meinem Alter aber auch langsam Zeit,“ kokettiert DeVille und spielt damit auf die Zeiten an, wo der Ex-Junkie als unberechenbar galt.

Seit Ende der 80er, spätestens seit seinem Album „Victory Mixture“, auf dem er sich mit New Orleans großen musikalischen Söhnen Dr. John, Eddie Bo und Allen Toussaint zusammen tat, gilt William Borsay — so Willy DeVille bürgerlich — aus europäischer Sicht auch als Star aus der Crescent City. Jahrelang lebte er direkt im Big Easy, später seiner 13 Pferde wegen etwas außerhalb auf dem Land, aber auch nur eine halbe Autostunde vom French Quarter entfernt. Inzwischen hat Willy die Gegend ganz verlassen:

„Der Hurricane und auch das, was teilweise danach passiert ist, war eine Tragödie. Ich persönlich wollte die Wunden, die Katrina hinterlassen hatte, nicht mehr sehen und bin deshalb weg. Im Frühjahr werde ich erstmals wieder dorthin zurückgehen und einige Benefizveranstaltungen mit Dr. John und Allen Toussaint machen.“ „Been There Done That“ und der typische Funeral-March „The Band Played On“ sind noch einmal zwei direkte Verbeugungen vor seiner Lieblingsstadt. „Been There Done That“ klingt dabei so funky - man könnte annehmen, der Südstaatenbohemien habe sich für diesen Song mit The Meters, den Großmeistern des New Orleans Funk zusammengetan.

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Feature: Willy DeVille. Amerikanische Romantik