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Jazz thing 66
Magazin für Jazz

Eine Insel der Träume.
Die Plattensammlung von Paul St. Hilaire [1/2]
Paul St. Hilaire
Turntable von Paul St. Hilaire
Fotos: Anja Grabert
 
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Mitten in Kreuzberg. Der West-Berliner Szenebezirk ist weder für Palmenstrände noch für rauschende Brandung oder auffällig blaue Himmel bekannt. Immerhin fließt durch das dichte Straßengewirr behäbig der Landwehrkanal. An seinen Ufern kann man ebenso gut chillen wie im Sand der Karibik — sofern man nicht von Hund oder Jogger überrannt wird. Im Umfeld des Kanals recken sich düstere Mietskasernen in den Himmel, die nicht den Vorzug des Sanierungsgebiets genießen. Was sich hinter deren Fassaden abspielt, kann man nur ahnen. Fassaden, hinter denen Menschen wohnen — und arbeiten. Einer von ihnen ist Paul St. Hilaire, und der geht keiner gewöhnlichen Arbeit nach.

In einem nicht eben von Licht durchfluteten Treppenhaus öffnet sich eine braune Tür zu einem noch dunkleren Schlund. Doch hinter der Schleuse wartet ein strahlender Paul St. Hilaire. Bis vor kurzem operierte er als Tikiman, doch diesen Namen musste er aus rechtlichen Gründen ablegen. Man tritt über seine Schwelle und befindet sich augenblicklich in einer anderen Welt. Es riecht, wie es bei einem waschechten Reggae-Produzenten riechen muss. Die Welt mit ihren Abgasen und dem ganzen Lärm bleibt draußen. Wir entern die Insel der Träume. Den Ort, an dem Paul St. Hilaire sein über alle Maßen entspanntes Dub-Album „Adsom - A Divine State Of Mind“ (False Tuned/Indigo) produzierte.

Ein Mischpult, ein paar Instrumente, eine Hand voll Erinnerungen an seine Heimat, die Dominikanische Republik, ein winziges Häuflein CDs und ein paar Schallplatten, die wie ein Wandteppich die Tapete zieren. Der freundliche Alchimist umgibt sich nur mit dem Nötigsten und verleiht seiner Umgebung dennoch eine ungemein persönliche Atmosphäre.

Er selbst lehnt sich zurück, lächelt, steckt sich einen Glimmstengel in den Mundwinkel, zieht einmal kräftig und lächelt noch verbindlicher. Vielleicht tackert gerade ein Groove durch seinen Kopf. „Was willst du wissen?“, fragt er einladend und macht doch nicht den Eindruck, als wäre er zum Plaudern aufgelegt. Er ist einer jener Menschen, die mit einem Lächeln viel mehr sagen als mit tausend Worten, die sie ohnehin nicht finden.

Eigentlich sind Reggae-Produzenten für ihre ausgefallenen Plattensammlungen bekannt, aus denen sie die Bausteine für ihre Mixe destillieren. „Ich bin kein DJ“, stellt St. Hilaire lachend klar. Nun sind die meisten Menschen, die Platten besitzen, keine DJs, und bei einem Exemplar seines Schlages ist es umso verwunderlicher, wenn er überhaupt keine Platten besitzt. „Ich habe alle meine Platten im Kopf“, sagt St. Hilaire, zieht an seinem Rauchwerkzeug und grinst. Die Wolken in seinem Insel-Domizil werden dichter. Der einstige Tikiman verfolgt mit Blicken die Bewegung des Schwaden-Gespinsts. Seine Inspiration kommt nicht von Tonträgern im herkömmlichen Sinne. „Die Luft.“ Er sagt es und macht eine lange Pause. „Alles liegt in der Luft. Alle Geräusche der Welt. Das ist viel mehr, als jede Plattensammlung fassen kann.“

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Feature: Eine Insel der Träume. Die Plattensammlung von Paul St. Hilaire