zur Bereichsnavigation | zum Text | zur globalen Navigation
 
 
     
  blue rhythm feature
39 40 41 42 43
 
 
contents
feature
abonnieren
backissues

Jazz thing 61
Magazin für Jazz

Einer von Vielen.
Die Plattensammlung von Pierre Baigorry aka Enuff von Seeed [2/2]
 

Berlin-Kreuzberg, ein typischer Berliner Hinterhof mit altem Fabrikgebäude, in dem heute Lofts untergebracht sind. In der ehemaligen Residenz eines großen deutschen Independent-Vetriebs schlägt heute das Herz der Reggae-Band Seeed. Deren drittes Album „Next!“ (Downbeat/Warner) klingt in sich selbst wie der Querschnitt durch eine ganze Plattensammlung, so unterschiedlich sind die Stile, Intentionen und Einflüsse, die hier wie in einem gigantischen Plattenladen zusammenfließen. Pierre Baigorry, einer der musikalischen Köpfe von Seeed, öffnet in morgendlicher Frische die Pforten zu seiner eigenen Plattensammlung.

Zwar hütet Pierre den größten Teil seiner Plattenschatzes in seiner Wohnung - wo auch sonst? - doch wird auch hier an seinem Arbeitsplatz eine ganze Wand von Vinyltapete verziert. Dabei fallen gleich an der Stirnseite des Regals Kostbarkeiten ins Auge, die man hier wahrscheinlich kaum erwartet hätte. Zum Beispiel Billy Cobhams Jazzrock-Klassiker „Spectrum“ oder ein Album von Ravi Shankar. Pierre lächelt und muss nicht lange nach Erklärungen suchen. „Ich finde nicht, dass diese Platten so wenig mit Seeed zu tun haben. Gerade indische Musik hat ja viele Gemeinsamkeiten mit Club-Musik und HipHop. Auch wir schmeißen nur einen durchgehenden Beat an, auf dem eine Obermelodie oder ein Sänger passiert, und das wars. Gerade die Kraft der Wiederholung finde ich geil. Und Billy Cobham ist totale Jam-Musik. Schon früher mochte ich, dass der seinen Beat anschmiss und dann ging es zehn Minuten ab. Bei uns ist es kaum anders.“

Pierre will die Vielfalt seiner eigenen Plattensammlung, die von Klassik über Rolling Stones, Simon & Garfunkel und Led Zeppelin bis zu einer erlesenen Auswahl von Reggae und HipHop reicht, nicht zum Programm von Seeed erheben, doch die Parallelen sind auch nicht zufällig. „Vielleicht ist es nicht beabsichtigt, aber wir alle stehen im weitesten Sinne auf Musik. Wir sehen uns nicht als Reggae-Musiker, sondern als Musiker ohne Zusatz. Deswegen bedienen wir uns überall, und jeder von uns hört verschiedene Arten von Musik. Ich bin ja nicht mit Reggae großgezogen worden, seit ich laufen kann. Meine Einflüsse reichen von Disco in den Siebzigern über Neue Deutsche Welle oder Klassik bis Metal und HipHop. Ich habe schon alles gehört und höre es teilweise immer noch. Wenn dir gute HipHop-Produzenten ihre Plattensammlung zeigen, wird da auch alles von Tschaikowsky bis Soul dabei sein. Das ist sicher normal. Wer ernsthafte Liebe zur Musik hat, wird alles aufsaugen, was es gibt.“

Eine derart vielseitige und in Einzelheiten überraschende Plattensammlung entsteht nicht über Nacht. Pierre kaufte sich Platten, seit er Taschengeld erhielt, aber gleichzeitig war er auch immer Musiker. „Ich hatte zum Beispiel Klavierunterricht und bin nicht übers Platten-Samplen zur Musik gekommen. Ich und auch die anderen von Seeed kommen eher aus dem Livemusik-Bereich. Wir haben größtenteils ein Instrument gelernt.“ So sind ihm seine Platten nicht vordergründig Ideen- oder gar Materiallieferant, sondern ein Organismus, der sich weitgehend unabhängig von der eigenen musikalischen Laufbahn entfaltet hat.

p. 1 / 2 1 2  nächste Seite