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Jazz thing 58
Magazin für Jazz

Mercan Dede. Groovy Sufi [1/4]
 

Mercan Dede, zwischen Montreal und Istanbul wandelnder Klangmagier, eint Sufi-Klänge, Traditionen von Balkan über Anatolien bis Indien mit relaxter DJ-Attitüde. Stefan Franzen traf ihn bei einem Heimspiel in Istanbuls musikalischem Bienenhaus Beyo'glu.

Welches waren deine frühesten musikalischen Einflüsse?

Eine meiner frühesten musikalischen Erinnerungen ist, als ich mit fünf Jahren im Radio eines Autos den Klang einer Solo-Ney hörte. Ich weiß nicht, warum ich so fasziniert von diesem Klang war, denn ich habe keine Musiker in meiner Familie. Im gleichen Alter hörte ich bei einer Hochzeitszeremonie eine Band von Gypsy-Frauen. Heute gibt es die gar nicht mehr, aber früher war es so Sitte, dass sie von Viertel zu Viertel gehen, mit zwei Rahmentrommeln und einer Geige, die diesen sehr hohen, scharfen Sound hatte, dazu wurde getanzt. Wir als Männer durften da nicht zuschauen, aber allein der Klang hat dich in den Bann gezogen, das war wie tribale Musik. Diese beiden Sounds haben mich bis heute unbewusst geprägt, denn wenn ich mir anschaue, was ich heute tue, dann ist das Ney spielen, Sufi- und klassische Musik und anatolische Folkmusik, sowie tribale Musik von sehr unterschiedlichen Folklore-Traditionen.

Als ich nach Istanbul kam, wollte ich Ney lernen. Damals war es keine gute Zeit dafür, 1982 war gerade die Zeit nach dem Militärputsch. Ich konnte keinen Lehrer finden und machte meine erste Ney aus einem Plastikschlauch. Endlich fand ich einen ausgezeichneten Lehrer, bei dem ich dann Sufi-Musik, traditionelle Stile und Rahmentrommel gelernt habe. Das war die wichtigste Zeit in meinem Leben. Ich will betonen, dass ich nie an einer Akademie war, diese Perspektive auf die Musik hat mich nie interessiert.

Bevor du dich auf die Musik konzentriert hast, warst du Journalist und Fotograf. Was hat dich dann letztendlich auf den musikalischen Pfad gebracht, gab es da eine Art innerer Stimme, einen Funken?

Ich habe mich nie als Musiker gefühlt, in diese Kategorie passe ich nicht hinein. Meine erste Ney zu spielen, war eine faszinierende Erfahrung, aber für mich war das nicht, als würde ich ein Instrument spielen, das war mehr. Ich hatte nie im Kopf: „Eines Tages will ich ein Konzert geben.“ Die Ney war für mich vielmehr ein Spiegel, um zu entdecken, wer ich war, eine Trance-Erfahrung. Jedes Mal, wenn ich die Ney in der Hand halte, dann schlägt mein Herz schneller und ich merke, dass ich lebendig bin.

Nach Kanada kam ich als Fotojournalist, dort gaben sie mir ein Stipendium, damit ich Kunst studieren konnte und ich belegte Ethnomusikologie. Da öffnete sich für mich eine Welt und ich bekam mit, was sich in Thailand, Iran, Australien musikalisch abspielt - eine ganz aufregende Phase für mich. Und ich entdeckte, wie viel gemeinsame Nenner es weltweit gibt in der Musik.

Zur gleichen Zeit fing ich als DJ an, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Da ging mir ein Licht auf, dass zwischen der elektronischen Musik und traditionellen Musik eine Menge Brücken existieren. Das war genau zu der Zeit als Nusrat Fateh Ali Khan mit Massive Attack sein „Mustt Mustt“ veröffentlichte und Peter Gabriels „Passion“ populär war. Gleichzeitig war ich sehr vom Ambient-Sound à la Pink Floyd angetan. Ich wollte diese verschiedenen Einflüsse zusammen bringen und startete meine Reise. In Toronto legte ich dann eines Abends vor 5000 Leuten über die Beats eine Ney-CD und ich merkte, wie nach dem Set die Leute mein Pult umlagerten und unbedingt wissen wollten was das für eine Flöte war. Da merkte ich, dass das mein vorgezeichneter Weg war, neue Energien bei den Zuhörern zu kreieren.

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