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Jazz thing 56
Magazin für Jazz

La Chicana. Tango auf der Lauer [1/4]
 

An verjüngenden Anstrichen mangelt es dem Tango Argentino derzeit wirklich nicht. Piazzolla-Phrasen gepaart mit coolen Beats tönen einem aus so manchem Club entgegen, die Elektronik hat Einzug in die Tangorhythmik gehalten. Doch wie hört sich's an, wenn man nicht nur die Fassade schminkt, sondern zur Innovation tief in das Mark des Genre Tango eindringt? La Chicana aus Buenos Aires, das Band-Unikat um den Gitarristen und Schreiber Acho Estol und die Sängerin Dolores Solá liefert die Antwort. Statt per Computer den Tango auf den Dancefloor zu zerren, treten sie die Zeitreise in die umgekehrte Richtung an. Die oft vergessenen schwarzen Wurzeln des Tangos haben sie ausgegraben, gruppieren Folklore-Rhythmen Argentiniens und exotische Instrumente dazu, spielen mit Brecht-Lyrik und dem Flair von Tom Waits. All dies verknüpft mit einem Hauch von Rock-Attitüde. Das ist die neue Tango-Offenbarung, findet Stefan Franzen, der sich mit Estol unterhalten hat.

Wie hat sich die Band gefunden?

Acho Estol: Ich hatte schon einige Zeit als Musiker gearbeitet und hatte mit Dolores Solá eine Beziehung. Sie war Schauspielerin in Soap Operas, konnte aber jegliche Art von música latina singen. Sie liebte Bolero, beide liebten wir Flamenco, vor allem aber den Tango, der für uns das wirkliche, das authentischste Ding war. Ich entdeckte dann, dass sie die Texte zu unglaublich vielen Tangos kannte, die nicht sehr bekannt waren. Eine seltsame Sache, ein 27jähriges Mädchen zu finden, dass so viele Tangos singen konnte. Ihre Eltern waren tief in der Tangoszene involviert, auch als Tänzer. Wir begannen unser Projekt als eine Art „Glücksritter“, spielten an einigen Auftrittsorten Bolero, Flamenco-Coplas und auch ein wenig Tango und spanischen Pop, nur um Geld zu verdienen. Wir spielten das, was die Leute hören wollten, aber nicht was uns unbedingt gefiel.

Irgendwann sagten wir uns: „Wir konzentrieren uns jetzt auf das, was wir wirklich machen WOLLEN, was uns musikalisch stimuliert. Ich wollte Rockelemente drin haben, E-Gitarren, die sich mit argentinischer Folklore verbinden. Eine Weile lang hatte ich schon so ein ähnliches Projekt gehabt, aber die argentinische Rockszene ist wirklich hart, du musst um 4 Uhr morgens für 15 Leute spielen. Für solch eine Art von Karriere hatten wir keine Geduld mehr. Also legten wir - ohne jegliche Erwartungen - einen Akzent auf den Tango und hatten in dieser frühen Besetzung schon Juan Valverde an der Flöte dabei. Juan kenne ich seit meiner Kindheit, ich habe mit ihm auf dem Konservatorium in Buenos Aires klassische Musik studiert und wir hatten oft zusammen gespielt. Wir fingen an, Milongas zu spielen, nur zu unserem Vergnügen. Bald realisierten wir, wie vital die Tango-Revivalszene in Buenos Aires war, wie viel junge Leute sich für den Tango interessierten, tanzen lernten. So wuchs auch unser Publikum und wir hatten sogar die Chance ins Ausland zu gehen. 1996 spielten wir in London, Dolores ging sogar nach Deutschland, um in einem Duo mit Pianisten aufzutreten.

Ihre Stimme ist allerdings meilenweit entfernt von Tango-Sängerinnen wie Adriana Varela und anderen. Hat sie bei Tango-Sängerinnen gelernt oder ihre Vokalkunst völlig unabhängig entwickelt?

Acho Estol: Nein, sie ist sehr original, sie wollte niemals wie jemand anders klingen. Als wir anfingen, war der einzige Bezugspunkt für sie tatsächlich Adriana Varela, denn sie war die einzige erfolgreiche Sängerin zu dieser Zeit. Aber Varela folgte einer Schule, klang sehr wir Roberto Goyeneche, Dolores dagegen wollte ihr eigenes Ding machen. Außerdem mag sie eher die lyrische Art zu singen, so wie Gardel oder Ignacio Corsini, auch Frauenstimmen des alten Tango wie Nelly Omar und Mercedes Simone, das waren eher ihre Vorbilder. Sie wollte ihre Stimme auch nicht in irgendeiner Weise verstellen, sondern einfach sie selbst sein. Und gena

Der Tango hatte sich so lange abgeschottet und war eine Inzucht geworden, dadurch wurde er langweilig. Du gingst in eine Tangoshow und hörtest 20 Tangos aus den 1930ern und 1940ern hintereinander mit den immer gleichen Arrangements, mit der gleichen Art zu singen. Das war für uns nicht mehr interessant, das war in den Dreißigern zeitgemäß. Doch auch damals gab es mit Gardel schon jemanden, der nie mehr als drei oder vier Tangos nacheinander gesungen hat, sondern eine Menge Musik, die seinerzeit international beliebt war: Foxtrott, Shimmy, Rumba, neapolitanische Lieder, Pasodobles, auch argentinische Volksmusik, die überhaupt keinen oder nur einen kleinen Bezug zum Tango hat. Was diese Vielfalt angeht, wollten wir Gardel nacheifern.

Der Titel eurer CD ist „Tango Agazapado“ - „geduckter Tango“. Heißt das: Tango, der sich zwischen anderen Elementen versteckt, der nicht so offensichtlich ist? Versucht ihr damit, euren Stil zu beschreiben?

Acho Estol: Das trifft es nicht, nein. Es heißt vielmehr, dass der Tango auf die junge Generation lauert, dass er auf sie wartet. Eines Tages wird er ihnen entgegenspringen und sie am Schlafittchen packen und dann werden sie ihn lieben, auch wenn sie es jetzt noch nicht wissen. Ich denke, der Tango versteckt sich auf der Platte keineswegs, ist nicht verhüllt, er ist für jeden zu hören, schon der erste Song ist ein Tango. Außerdem nimmt der Titel Bezug auf einen Vers in einem der Stücke, wo es heißt: „In meiner Gitarre liegt ein Tango auf der Lauer und er wartet darauf, hinauszuspringen.“ Dieses Bild mögen wir. Denn vielen jungen Leuten in Argentinien passiert es - so ging es auch uns - dass sie den Tango nicht mögen, sie denken es ist etwas Altmodisches, sie weisen ihn zurück, wollen ihn nicht verstehen. Als wir 15 oder 20 Jahre alt waren, da haben wir den Tango zwar wahrgenommen, ich mochte gewisse Dinge an ihm, die mit der Gitarre zu tun hatten. Wenn ich allerdings mit meinen Freunden auf die Bühne ging, dann haben wir Rock gespielt. Denn es gab diese unglaubliche Ablehnung des Tango in den Siebzigern und Achtzigern, wo er als angestaubt betrachtet wurde, etwas, das immer die gleichen Formeln aus der Vergangenheit wiederholt. Den einzigen Kontakt, den wir als Kinder mit dem Tango hatten, war durchs Fernsehen, wo es eine qualitativ wirklich schlechte Show gab, mit Sängern, die völlig medioker waren. Es ist also ein wirkliches Stück Arbeit auch in Argentinien gewesen, den Tango zu entdecken.

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