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Magazin für Jazz

DJ Cheb i Sabbah. Outernational
 

Seinen Künstlernamen hat er der algerischen Raï-Tradition entnommen, die eigene Clubreihe feiert bald den 15. Geburtstag. Nun bringt einer der dienstältesten Weltmusik-DJs sein erstes Mix-Album heraus - ein inspirierender Trip mit DJ Cheb i Sabbah.

Es waren turbulente Wochen für DJ Cheb i Sabbah am Ende des vergangenen Jahres. Der gebürtige Algerier mit dem bürgerlichen Namen Serge El Baz Haim reiste von seiner Wahlheimat Kalifornien nach Marokko, um dort Musik für sein neues Album aufzunehmen. Parallel erfuhr der Produzent und Discjockey, dass eine indische Filmfirma sein Stück „Kese Kese“ aus dem Album „Shri Durga“ unerlaubterweise in den Bollywood-Film „Plan“ eingebaut hatte. Sabbah war zugleich „geschockt und erschrocken“ darüber.

Die Sache erinnert stark an einen berühmten Urheberrechtsverstoß der jüngeren Vergangenheit: Der US-HipHop-Produzent Dr. Dre hatte für den R&B-Song „Addictive“ ohne Genehmigung eine jahrzehntealte Gesangsspur der indischen Bollywood-Queen Lata Mangeshkar eingebaut. Der Song wurde zum großen Hit und führte zu einer Fünf-Millionen-Dollar-Klage der indischen Urheber gegen die Amerikaner. Nun also das Ganze fast mit umgekehrten Vorzeichen.

Allerdings sieht sich Cheb i Sabbah selbst in der Rolle des David, der gegen Goliath ankämpft. „Ich mache das aber für uns alle“, erklärt der Produzent. „Es geht einfach um Respekt und Anerkennung dabei.“ Immerhin seien eine Menge Musiker zusammengekommen, um einen Song aufzunehmen. „Und die Person, deren Sample du verwendest, hat vielleicht 40 Jahre lang ihr Instrument gelernt.“ Im konkreten Fall sind es der afghanische Sitarspieler Aziz Herawi sowie der nordindische Sänger Ustad Salamat Ali Khan, die Sabbah für sein 99er-Album „Shri Durga“ aufgenommen hatte.

Hier wird schon einiges über die Arbeitsweise von DJ Cheb i Sabbah deutlich: Traditionen bewahren, aber auf einem hohen Produktionslevel. Das bedeutet: so fett produziert und gemastert, dass sich die Musik auch auf einer Tanzfläche gut einsetzen lässt. Für seine bisherigen Alben fuhr er nach Indien, nahm dort traditionelle Musik aus verschiedenen Landesteilen auf und ging erst zu Hause in San Francisco an die Feinarbeit, unterstützt von Gaurav Raina vom indischen Dance-Projekt Midival Punditz. Thema seines nächsten Albums werden die Frauenstimmen des Maghreb sein; es geht um religiöse Gesänge der Cheikhas aus Marokko, Algerien und Tunesien, aber auch um die andalusischen Einflüsse. Schon jetzt steht fest: Es wird schnellere Rhythmen zu hören geben als bei der Indien-Trilogie.

Zum Plattenauflegen kam Cheb i Sabbah (was übersetzt so viel heißt wie „Jüngling des Morgens“) durch einen Zufall. Er machte eigentlich in Paris eine Friseurlehre, als ihn ein Freund bat, kurzfristig als DJ einzuspringen. So begann Sabbahs erste Karriere als Spezialist für Soulmusik aus den USA. Einige Jahre später schloss er sich einem Straßentheater an und lernte in dessen Umfeld den Jazzmusiker Don Cherry kennen. Beide pendelten damals zwischen Europa und den USA hin und her und begannen sich mehr und mehr für Musik aus Afrika und Asien zu interessieren. Seit 1970 war Sabbah mehr als ein halbes Dutzend Mal in Indien und sieht klassische nordindische Musik als strukturell verwandt mit nordafrikanischer Musik an.

Fast neun Jahre nach Don Cherrys Tod hat Cheb i Sabbah mittlerweile einen Song vom Projekt „Audio Letter“ als Hommage an den Freund und „Living Theater“-Mitstreiter geremixt. Neben zwei weiteren Remixen von Sabbah und insgesamt 14 Tracks sind sie enthalten auf der aktuellen Mix-CD des 56-jährigen Selectors. Der Titel „As Far As - A DJ Mix“ (Six Degrees/EFA) deutet schon an: Es geht hier nicht um einen DJ-Mix für den Dancefloor, sondern um eine tiefe, spirituell geprägte Verneigung vor Künstlern, die für visionäre Zukunftsentwürfe der Weltmusik stehen. Neben Don Cherry sind das Najma Akhtar, Trilok Gurtu und Natacha Atlas sowie der Flötist Paul Horn.

Obwohl Cheb i Sabbah in den vergangenen Jahren kaum DJ-Auftritte in Europa bestritten hat, beweist er mit der Auswahl von schönen Stücken der türkischen Rap-Gruppe Makale aus der Schweiz sowie dem deutsch-marokkanischen Projekt Gnawa Impulse aus Berlin seine Kenntnis von neuen, viel versprechenden Acts aus dem Underground. Das Ganze fügt sich zusammen zu einem meditativen und zugleich perkussiven Trip von Asien nach Afrika und wieder zurück.

In San Francisco ist Cheb i Sabbah Teil eines Musiker-Netzwerks aus dem Umfeld des dortigen Weltmusik-Labels Six Degrees, dem als Gäste auch der Bassist Bill Laswell und der Perkussionist und Tablaspieler Karsh Kale angehören. Und so absurd es erscheinen mag: Irgendwie hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 das Interesse am Orient verstärkt, meint der DJ, der seit 15 Jahren jeden Dienstagabend in Nickie's BBQ in San Francisco seinen „Outernational“-Mix aus Ost und West auflegt. „Es wurden sehr viel mehr Kopien des Koran abgesetzt“, stellt Sabbah fest. Und: „Es wurde nie zuvor mehr indische und arabische Musik verkauft.“

Text: Stefan Müller

www.chebisabbah.com