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Jazz thing 53
Magazin für Jazz

17 Hippies. Anarchie zwischen Provinz und Exotik
 

Hintergrund: Krautrock bis Klassik - Fangemeinde: von französischen Punkern bis zu den Eltern von Seeed - stilistische Bandbreite: Balkan- & Arabeskes, Chanson, Valse & Musette, Cajun & Zydeco, Tessiner Volkstöne, Ambient Electronica... Ein unmöglicher Steckbrief? Mitnichten, denn das sind die 17 Hippies aus Berlin, die unsere französischen Nachbarn schon lange als kultige Lieblinge feiern und die nach dem Erfolgssoundtrack zu „Halbe Treppe“ nun auch bei uns landesweit wahrgenommen werden. Derzeit touren sie ausgedehnt durch deutsche Lande.

Text: Stefan Franzen

„Vor kurzem rief mich eine 76jährige an und meinte: ‚Wat ihr macht, det is wirklich abjefahrn. Aber kann ikk dat nächste Mal 'n Stuhl haben, wenn ikk zu eurem Konzert komme?' Dann stellte sich heraus, dass die nette alte Dame die Mutter eines Seeed-Mitgliedes war“, erinnert sich Kiki Sauer lachend. Die studierte Philosophin, die nach ihrem Magister vor acht Jahren zum Gründungs-Urgestein der 17 Hippies wurde, dort nun textet, singt und das Akkordeon bedient, sprudelt vor Anekdoten, vor allem, wenn sie über die Frühzeit des unorthodoxen stilbrechenden Kollektivs erzählt:

„ Von Anfang an hatten wir Leute aus vielen verschiedenen Genres. Lüül, unser einziger wirklicher Hippie, war ehemals bei den Krautrockern von Ash Ra Temple, der Gründer Christopher Blenkinsop ist auch ein Rocker. Die hatten irgendwann keine Lust mehr Verstärker zu schleppen und Soundchecks zu machen, haben von Gitarre auf Ukulele und Banjo umgelernt. Ein paar andere, darunter ich, habe eine klassische Grundlage. Gespräche bei den Proben liefen dann so ab, dass Christopher mir was von ‚Groove' erzählt hat, ich ihn bat, mir das doch mal aufzuschreiben und er sagte: ‚Noten? So was kann ich doch nicht.'“

Um die verschiedenen Fraktionen der Hippies musikalisch doch auf einen Nenner zu bringen, bediente man sich bei den einfachen Melodien der traditionellen Musik, zu denen ungewöhnliche Arrangements mit einer instrumentalen Bandbreite von Posaune bis Dudelsack, von Bratsche bis Mandoline entworfen wurden. Einen „unfassbar spannenden“ Sound, so Kiki, ergab der stetig anwachsende musikalische und menschliche Flickenteppich. Die angesprochenen Proben in Kreuzberg oder Moabit waren öffentlich. Sie wurden von befreundeten Musikern erst naserümpfend („ihr könnt doch nicht einfach ohne Üben auf die Bühne“, „so kann man Klezmer doch nicht spielen“), dann ungläubig beäugt, als sich schließlich stets mehrere hundert Zuhörer auf den Gratis-Events tummelten.

Im Repertoire lag ein leichter Akzent auf Osteuropa, ansonsten ging es kreuz und quer durch Welt- und Musikgeschichte, man transkribierte von italienischen Cassetten, lauschte den virtuosen russischen Akkordeonisten in der Berliner U-Bahn ab. „Es ist fast unmöglich, uns zu klassifizieren, in Frankreich sind wir selbst schon Stilbegriff geworden. Die sagen mittlerweile, um andere Musiker zu beschreiben: Das ist eine Band wie die 17 Hippies!“ Und damit ist die frankophile Kiki, die sich beim Entwurf der Texte des öfteren auf die Philosophen der grande nation beruft, bei ihrem Lieblingsthema. Denn während sich in Deutschland überkorrekte, verklemmte Traditionalisten und Plattenlabels gegen die kunterbunte Spontaneität des Orchesters sperrten, hinterfragten, ob das den wirklich Kunst sei, avancierte die Truppe in Frankreich schnell zum everybody's darling.

„Das französische Publikum reagiert viel unmittelbarer, die machen aus jedem Konzert eine Party. Dazu kommt, dass deutsche Sachen derzeit unheimlich angesagt sind bei jungen Franzosen, insbesondere Berlin, das finden die total cool. Und die Plattenfirmen sind großartig darin, Sachen weit nach vorne zu bringen, die in keine Schublade passen.“

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